Bezug der Angela Langer (geb. als Angela Prager)
zu Neustift im Felde bzw. Kirchberg am Wagram:
Angela Langer,
Portrait 1913,
gemeinfreiDie Eltern Angela Langers übersiedelten im Herbst 1911 nach Neustift im Felde 74, Post Kirchberg am Wagram.
Dieses Haus stand dort, wo sich heute das Autohaus Graf befindet. Das Haus wurde ab 1956 , da es von Herrn Fritz Salomon eingetauscht wurde, ugs. „Salomon-Haus“ genannt. Es wurde etwa 2004 abgerissen und das Firmengebäude der Fa. Graf dort errichtet.
Der Vater Anton Langer führte schon seit langer Zeit ein Gemischtwarengeschäft mit dem Schwerpunkt „Obst-Versand“.
Ab Herbst 1911 versendet er seine Waren von „Neustift im Felde“ aus, auch „Dörfl“ oder „Kirchberg am Wagram“, wie er seine Absende-Geschäftsadresse, vermutlich aus Unkenntnis und der Nähe zum Bahnhof wegen, auch nennt. Angela Langer wohnt somit, wann immer sie künftig ihre Eltern besucht, in Neustift im Felde 74.
Angela Langer lebte 1913 im Sommer und Herbst hier. Schon von Brüssel aus hatte sie ihren Besuch „in ein paar Monaten“ angekündigt und gibt bei ihren Briefen, die sie nun vom Haus ihrer Eltern absendet, „Kirchberg am Wagram“ an.
Im Winter darauf übersiedelt sie nach Bozen, vorerst in die Villa Heinrichshof, darauf in die Villa Bittner in Kohlern oberhalb von Bozen. Die Villa, so genannt nach dem Bozener Stadtbaumeister Johann Bittner, ein entfernter Verwandter der Angela Langer. -
Villa Bittner – Wikipedia später auch Villa Degischer genannt.
Sie nahm im benachbarten „Klaushof“ eine Stelle als Magd an, um die Gegebenheiten auf einem Bauernhof für ihren geplanten Roman „Der Klausenhof“ kennenzulernen, den sie dort nach der Arbeit in den Nachtstunden verfasst.
Im Sommer 1914 wird sie vom Ausbruch des Krieges überrascht und kehrt nach Neustift/Kirchberg zurück, von wo sie nach Krems und Wien reist, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen, da sie mithelfen will, das Leid der im Kriege verletzten Soldaten zu lindern.
Käthe Braun - Prager, Gattin des Dichters Felix Braun, berichtet in „Bücher der Heimat, Band 15 „Große Frauen der Heimat“ (S. 65):
„Eines Tages stand sie weinend vor dem Allgemeinen Krankenhaus. Eine Dame, Frau Oberst von Leuchtenberg, beobachtete Angela, fragte nach dem Grund der Tränen, und die Dichterin erzählte ihren Kummer. Frau von Leuchtenberg gewann gleich Sympathie für Angela, nahm sie gastlich in ihr Haus, enthob sie der augenblicklich materiellen Sorgen und ermöglichte ihr einen Besuch des Pflegekurses.
Als sie diesen mit gutem Erfolg bestanden hatte, gab sie ihre Adresse dem Kriegsfürsorgeamt bekannt, das Sie vermittelte. Hugo von Hoffmannsthal war damals Leiter der Abteilung; auch der Dichter Felix Braun arbeitete dort. Er kannte Angela längst als Dichterin, ihr Roman und ihr Bild waren ihm unvergeßlich geblieben – und so machte er Hoffmannsthal auf Angela Langer dringlichst aufmerksam. Dadurch bekam sie bald eine Stelle als Hausdame in einem Sanatorium. Aber nie hat sie erfahren, dass ihr zwei österreichische Dichter geholfen hatten. Nur ein halbes Jahr blieb sie dort; denn schon drängte es sie wieder ins Ungewisse. . .
Mit ganz wenig Geld reiste sie nach Berlin und lebte allein in einem Gasthofe. Erst als die letzten Banknoten ausgegeben waren, gestand sie ihrem Verleger ihre Not. Wieder fanden sich Menschen, die für sie sorgten, dass sie weiterstudieren und ihren Arbeiten leben konnte; der alte drückende Zustand schien vorläufig beendet.
Aber mit einem Male versagten die Kräfte. Die Aufregungen, Sorgen und Kämpfe der Letzten Jahre begannen sich zu rächen. Die Nerven wurden krank, Fieber trat hinzu, manchmal verwirrte sich auch ihr Geist. Im Delirium wünschte sie sich in die Heimat zurück.
So brachte sie eine Krankenschwester nach Hause. Als sie die österreichische Landschaft und besonders die Donau wiedersah, war Angela glücklich und glaubte, jetzt wieder ganz gesund werden zu müssen. Sie ahnte nicht, dass sie verloren war. Traurig umstanden Eltern und Geschwister das Bett der Kranken. Immer beängstgender wurden ihre Fieberphantasien. Immer schwächer das Herz, und plötzlich setzte es ganz aus, für immer. Eine Große Hoffnung war mit der noch nicht dreißigjährigen Dichterin ins Grab gesunken.“
Am 8. Juli 1916 erschien in der „Österreichischen Land-Zeitung“ ein Nachruf des Kremser Gymnasiallehrers, Schulrates und Schriftstellers Josef Wichner, Schwager des damals in Kirchberg am Wagram lebenden Diurnist (=Amtsschreiber) Carl Mathiasch, (dessen Tochter Leopoldine war Gattin des zuletzt in Neustift wirkenden Lehrers Robert Löffler und Mutter des seinerzeit aus der Kronenzeitung bekannten „Telemax“ Robert Löffler aus Kirchberg).
Josef Wichner leitete seinen Nachruf mit einem Hymnus an das Tullnerfeld ein:
„Im weiten Tullner Feld, über das die Kirche auf dem Berge hinleuchtet, auf dem, da ich diese Zeilen wehmütigens Gedenkens schreibe, goldene Saaten wogen, das der von den Auen begrenzte Strom durchrauscht, der Wiener Wald und dahinter der Kranz der Alpen in duftigem Blau abschließt, steht ein schlichtes Häuschen. Ist nur Erdgeschoß mit kleinem Wirtschaftshof in Bretterverschalung, hat niedere schmucklose Zimmerchen, und im schmucklosesten, kahlen liegt . . . der einzige Schmuck unter Blumen: Die Leiche eines Mädchens.
Der unersättliche Schnitter Tod, der im Weltkrieg so überreiche Ernte hält, ist auch in dieses arme Haus getreten und hat, diesmal mit sanfter Hand, zwei Augen geschlossen, die vor kurzem noch in wundersamem Glanze eine Welt schöner Hoffnungen ausstrahlten.
Aber das Grauen, das uns Lebende sonst beim Anblick des Todes packt, hier hat es keinen Zutritt. Das Mädchen schläft nur . . . so scheint es; denn in dem edlen Marmorantlitz mit der hohen Stirne, den einstige Willensstärke verratenden zusammenhängenden dunlen Brauen, dem leicht geschlossenen Mund ist kein Zug des Schmerzes . . . nur ernste Ruhe der vordem so Ruhelosen . . . Schlaf ohne Leid in der Heimat!
Unter den Kränzen fallen zwei von besonderer Schönheit auf. Der eine trägt auf seidenem Bande die Inschrift: „In der Heimat gab’s ein kurzes Wiedersehen . . . Fischer“, der anere: „in treuer Freundschaft bis zum Tode . . . Heimann“.
Wie kommt der große Berliner Verlagsbuchhändler Fischer und sein literarischer Berater Heimann in die Hütte der Dürftigkeit im Tullner Felde?
Ich will erzählen, wie sich das Seltsame begeben, will den Weg verfolgen, den sie gegangen, die nach gar beschwerlicher Wanderung in der Heimat die Ruhe gefunden hat.“
Darauf folgt der ungefähre Lebenslauf der Angela Langer, und als Abschluß:
„Im Mai sandte sie mir ihren Volksroman mit leber Widmung, am 4. Juni schrieb sie mir durch die Hand der teilnahmsvollen Pflegerin und Freundin Schwester Marta: »Ich bin leider seit vielen Wochen krank. In einigen Wochen aber hoffe ich, so weit zu sein, um nach Hause reisen zu können und in der schönen Heimat ganz zu gesunden. Mit Freuden sehe ich dem Zeitpunkt entgegen, wo ich Sie und Ihre liebe Frau begrüßen kann.«
Ihr Wunsch, die Heimat zu sehen, wurde erfüllt. Am 22.Juni brachte sie Schwester Marta im Zuge Berlin-Konstantinopel auf Kosten ihrer Gönner, die auch alle übrigen Auslagen deckten, nach Wien und sodann in das Haus im Tullner Felde, wo die reifen Aehren sich dem Schnitter entgegenbeugen.
Drei Tage lag die Arme, meist bewußtlos, im Elternhause, aber in wenigen lichten Augenblicken, da sie ihre Lieben erkannte, fühlte si sich daheim . . . geborgen . . . und in diesem Wohlgefühl ist sie hinübergeschlummert.
Mädchen in weißen Kleidern, Frauen aus dem Volke mit bunten Kopftüchern gaben ihr das Geleite. Ein Gewitter entlud sich über dem Trauerzug, der sich zur hochgelegenen Kirche bewegte.
Unsere Helden versterben auf den Schlachtfeldern unter dem Donner der Kanonen. Angela Langer war auch eine Heldin . . . so gab ihr des Himmels gewaltige Donnerstimme den Ehrengruß.
Als wir die Hülle des reichen, mannesstarken, schließlich in Überanstrengung des Aufwärtsstrebens gebrochenen Geiste ins Grab senkten, durchbrach die Sonne das Wolkenmeer und vergoldete des Trauerspieles letzten Akt. Wäre der Geist umnachtet geblieben, so hat der Tod ein Werk der Gnade und des Erbarmens vollbracht.“
Grab der Angela Langer auf dem Kirchberger Friedhof. Foto Dr. Rudolf Delapina ca. 1960Zu Angela Langer gibt es mehrere Biografien mit falschem Geburtsdatum, das offenbar aus einer fehlerhaften Eintragung im Sterbebuch und dem Umstand, dass sie, geboren als Angela Prager, erst am 2.Juli 1905 durch ihren Vater Anton Langer legitimiert wurde, herrührt. Die Erforschung des richtigen Geburtsdatums ist in erster Linie Herrn Dr. Detlev Gamon und Gattin Irene zu verdanken, die sich 2013 der Erinnerung an Angela Langer annahmen und die Forschung mit Hilfe mehrerer anderer Personen vorantrieben.
Zahlreiche lobende Rezensionen bestätigen die Qualität des Werkes Angela Langers.
Mit dem Wiedererwecken durch das Ehepaar Gamon fanden auch in jüngerer Zeit mehrere Veranstaltungen und Ehrungen statt:
- 2013 leiten Dr. Detlev Gamon und Irene Gamon umfangreiche Nachforschungen zu Angela Langer ein, wodurch in weiterer Folge die Unstimmigkeiten in den Biographien etc. bezüglich Geburtsdatum, Namen u.a. aufgeklärt und neue Aktivitäten gesetzt wurden.
- Valerie Hanus: Langer, Angela, Schriftstellerin. In: Österreichisches Biographisches Lexikon, 1815-1950. S.3. www.biographien.ac.at/oebl/… https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_L/Langer_Angela_1886_1916.xml
- Meldungen zum 100. Todestag der Angela Langer am 25. Juni 2016 in der Wochenzeitung Niederösterreichische Nachrichten am 21. Juni 2016.
- Ilse Korotin (Hrsg.): Biografia. Lexikon österreichischer Frauen. Band 2, i-o, S.1908-1909. Wien / Köln / Weimar, Böhlau, 2016. Langer, Angela, Schriftstellerin. Biografie.
- Günter Rapp: Zeitungsartikel Fast schon vergessen. 100. Todestag. Mitten im Ersten Weltkrieg starb mit Angela Langer…, Biographische Informationen und Auszug aus dem Nachruf Josef Wichners. In: NÖN (Niederösterreichische Nachrichten). Ausgabe Krems. Jg. 2016, Nr.25. 21.6.2016. S.38. Sp.1u. „Ausgabe Tulln“ und „Ausgabe Krems“. Jg.2016, Nr.25. 21.6.2016. S.42.
- Im Dezember 2016 und im Juni 2024 bringt Herr Johann Söllner aus Neustift im Felde im „Neustifter Volksblatt“ einen Beitrag über Angela Langer.
- In der Galerie Augenblick in Kirchberg am Wagram, dem Sterbeort der Angela Langer, wurde am 09.Mai 2019 auf Initiative von Herrn Dr. Detlev Gamon eine Gedenkveranstaltung durchgeführt. Günter Rapp: „Ein Abend für Angela Langer“, Bericht in: [Niederösterreichische Nachrichten]], Jg.2019, Nr.20. 15.05.2019. S.84 („Treffpunkt“).
- Am 8.April 2020 erscheinen die Romane Der Klausenhof unter ISBN 978-3-7437-3540-8 und am 13.Juni 2020 Stromaufwärts unter ISBN 978-3-7437-3695-5 als Neuausgabe von Karl-Maria Guth, Berlin, im Verlag der Contumax GmbH & Co. KG, Berlin.
- Angela Langer findet Eingang in die von Frau Edith Blaschitz (Universität für Weiterbildung) und Gregor Kremser (Kulturamt Krems) von April bis November 2021 veranstaltete Ausstellung im Museum Krems mit dem Motto Wo sind sie geblieben? Die Frauen von Krems? . In Krems war Angela Langer mehrere Jahre Dienstmädchen und hatte durch ihre dortige Ausbildung den Grundstein zur Schriftstellerin gelegt. Wo sind sie geblieben? Die Frauen von Krems? - Universität für Weiterbildung
- Mag. Dorli Demal, Leiterin des Stadtarchivs Langenlois bringt in der periodisch erscheinenden Zeitschrift BLICK.PUNKT.LANGENLOIS 2021, einen Beitrag über Angela Langer. In Langenois verbrachte A.L. die Kindheit und größtenteils die Schulzeit. Blickpunkt_2021_02_Langenloiser_Frauenbilder.pdf.
- Das Kremser Literaturforum unter Obfrau Mag. Maria Schiffinger in Kooperation mit Kremskultur und der Volkshochschule Krems veranstaltet am 19. Oktober 2021 eine Führung durch die Ausstellung Wo sind sie geblieben? Die Frauen von Krems mit anschließendem Vortrag von Dr. Detlev Gamon und Lesung aus Angela Langers Werken durch Renate Lind im Festsaal der Volkshoschschule Krems. Fotos und Veranstaltungen | Literatur
- Im Friedhof Kirchberg am Wagram wird am 18. Mai 2023 von Bgm. Franz Aigner im Namen der Marktgemeinde zur Ehrung der Schriftstellerin Angela Langer eine Gedenktafel enthüllt und von Kaplan Robert Nowak eingeweiht. Dr. Detlev Gamon hält eine würdigende Ansprache. Zeitungsbericht Günter Rapp – LangerAngelaNOEN20230531.pdf
- Am 25. Juni 2025 ehrte die Familie Zelger, Gasthof Klaus in Kohlern bei Bozen – Gästeunterkunft | Gasthaus die Schriftstellerin Angela Langer mit der Einrichtung des Wanderweges sentiero Angela Langer und einer Gedenktafel. Die Einweihung fand am 25.Juni 2025 durch den Pfarrer der Pfarrei St. Gertraud (Bozen) – Wikipedia , P. Mansuetus Tus, statt. Der Gasthof Klaus und die oberhalb liegende Villa Bittner waren zentrale Orte der Handlung im Roman Der Klausenhof. Angela Langer – Heimatforschung Region Kirchberg am Wagram
Die Schriftstellerin Simone Dark trug ein Kapitel aus dem Roman Der Klausenhof vor.
Enthüllung der Gedenktafel am Friedhof in Kirchberg am Wagram, Foto Waltraud Nowotny
Eröffnung des „Sentiero Angela Langer“ – Angela Langer-Weg in Kohlern oberhalb von Bozen
Klaushof in Kohlern mit Spruch, der im Roman „der Klausenhof“ vorkommt.
Villa Bittner, Sonnenuntergang in Kohlern; alle Fotos Waltraud Nowotny
Wie und durch wen kam die Familie Langer nach Neustift/Kirchberg?
Das Haus Nr. 74 in Neustift im Felde besaß zum Zeitpunkt der Übersiedlung der Familie Langer im Herbst 1911 eine gewisse Anna Gebhart, geb. Simoni, Artistengattin, zuletzt wohnhaft in Zürich -
Aufruf in der Wiener Zeitung am 15.April 1920. Deren Mutter, eine Sesselflechterin, verstarb 1906 in Neustift 25.
Über die Beziehung zur Familie Langer konnte bisher weiter nichts in Erfahrung gebracht werden.
Da aber die Großmutter Angela Langers - Anna Prager Gasthauspächterin in Kottes war, und die Familie Schwillinsky in Kirchberg ebenfalls aus Kottes stammt, einzelne Familienmitglieder auch in Langenlois, Schönberg am Kamp und Engabrunn ansässig waren, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Familie Schwillinsky das verbindende Glied ist.
Aber auch Angela Langers Förderer, Josef Wichnerhatte wie oben beschrieben, familiäre Beziehung zu Kirchberg. Er war der Schwager des damals in Kirchberg am Wagram lebenden Carl Mathiasch. Dessen Tochter Leopoldine war Gattin des zuletzt in Neustift wirkenden Lehrers Robert Löffler und Mutter des seinerzeit aus der Kronenzeitung bekannten „Telemax“ Robert Löffler aus Kirchberg.
Angela Langers Schwester Hermine, verehelichte Vater, lebte in Unterstockstall, der Sohn verungückte -vermutlich mit dem Motorrad- und verstarb im Unfallkrankenhaus Meidling.
Haus der Schwester Angelas, Hermine Langer, verehelichte Vater in Unterstockstall, Kellergasse Mitterweg;
Foto A. Nowotny