Maria Knapp, Winkl Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Freizeitvergnügen anno dazumal Kollersdorf - Sachsendorf

Einleitung

Freizeit – ein Begriff, der für uns heute ganz selbstverständlich ist. Kaum jemand denkt noch darüber nach, denn sie steht uns einfach zur Verfügung. Das Angebot zur Freizeitgestaltung ist vielfältig und scheint
nahezu grenzenlos. Aber das war nicht immer so!

Vor allem in den bäuerlich geprägten Regionen ist der Begriff Freizeit eine vergleichsweise junge Erscheinung. Sie war knapp, und das Angebot an entsprechenden Aktivitäten blieb lange Zeit begrenzt. Da viele Menschen in der Landwirtschaft tätig waren, richteten sich freie Zeiten nach Ernte und Wetter.

Eine zentrale Rolle im Dorfleben spielten die Wirtshäuser – und davon gab es, man mag es kaum glauben, so einige. Die Broschüre Sperrstund’ is – Gaststätten in Kollersdorf und Sachsendorf gewährt uns Einblicke in das einst rege Wirtshausleben unserer Ortschaften. Man traf sich zum Kegeln, zum Kartenspielen, zu Konzertveranstaltungen, Fernsehabenden, Bällen und Theateraufführungen. Und nicht zu vergessen der Kirtag: Er bot Gelegenheit für Geselligkeit, Musik, Tanz und oftmals auch zur Partnerwahl.

Darüber hinaus engagierten sich die Lehrerschaft und die Ortsburschen und bereicherten das Freizeitangebot. Die wachsende Bedeutung des Vereinswesens führte – um nur einige Beispiele zu nennen – zur Gründung eines Sparvereins und eines Gartenbauvereins. Die wenigen, vor allem im Archiv der ehemaligen Gemeinde Kollersdorf erhaltenen Aufzeichnungen erlauben jedoch keine genauere Betrachtung.

Wie man sieht, boten sich anno dazumal doch Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, die für Abwechslung im bescheidenen Alltag der Ortsbewohner sorgten.

Ich möchte mich herzlich bei allen bedanken, die mich mit wertvollen Informationen unterstützt haben. Ein besonderer Dank gilt zudem den Sponsoren, deren Beiträge die Veröffentlichung erst ermöglichten.

Hinein ins Vergnügen!                                                                                                 Herbert Eder

 

Das Wirtshaus – ein Ort der Begegnung

Unsere Wirtshäuser boten zahlreiche Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Sie waren weit mehr als nur ein Ort der Gastlichkeit – sie waren das Herzstück des gesellschaftlichen Lebens. Hier feierte man Feste, traf sich mit Freunden, tauschte Neuigkeiten aus und nahm an vielfältigen Veranstaltungen teil. Jung und Alt sind zusammengekommen, um das Dorfleben aktiv mitzugestalten und ein entsprechendes Angebot zur Verfügung zu stellen. 

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass die Verteilung der Freizeit zwischen Männern und Frauen deutlich zugunsten der Männer ausfiel. Sie verfügten über wesentlich mehr freie Zeit, in der sie unterschiedlichen Vergnügungen nachgehen konnten. So traf man sich sonntags nach dem Gottesdienst häufig zum Frühschoppen; der Nachmittag stand für Aktivitäten wie Kegeln oder Kartenspielen zur Verfügung.

Gasthaus Hartl, 1932

Kegelbahnen existierten in den Wirtshäusern Sachsendorf 16, Kollersdorf 5 und 55. Sie befanden sich in überdachten Holzschuppen im Hof, der
Boden war mit gehobelten Brettern ausgelegt. Das Aufstellen der Kegel übernahmen die Kegelbuben, die sich damit ein kleines Trinkgeld verdienten.

Kegelbahn beim Gasthaus HartlKegelbahn beim Gasthaus Hartl 

Einladung LehrfilmWaren die Frauen nicht am Feld oder im Weingarten beschäftigt, arbeiteten sie im Haushalt – und dort gab es stets genug zu tun.

Ein Besuch im Wirtshaus war, abgesehen von besonderen Anlässen wie Kirtagen, Konzerten oder Theateraufführungen, eher selten. Das dürfte auch dem Veranstalter der Filmvorführung im Gasthaus von Kaspar Pichler am Samstag, dem 15. Februar 1930, bewusst gewesen sein, wie aus der Einladung hervorgeht.

Ein besonderes Ereignis waren die Fernsehabende im Gasthaus Magerl.  Wenn die Löwinger-Bühne über den Bildschirm flimmerte, nahm man Hitze, Gedränge und Rauch gern in Kauf – Hauptsache, man war dabei. Der Fernseher befand sich in einem über Stufen erreichbaren Nebenraum der Gaststube. Dieser war bis auf den letzten Platz gefüllt, stickig, die Luft zum Schneiden; ein Rauchverbot kannte man nicht. Im ganzen Ort gab es nur diesen einen Fernseher, und niemand wollte sich das Vergnügen entgehen lassen.

Vermutlich wurden im Gasthaus Magerl auch die Einzahlungen des Sachsendorfer Sparvereins „Einigkeit“ bis zu seiner Auflösung am 28. November 1961 durch die Sicherheitsdirektion für das Land Niederösterreich entgegengenommen.

 

Kirtag

Der Kirtag, auch „Kirito(g)“ genannt, war ursprünglich ein vor allem kirchliches Fest (Kirchweihfest) zu Ehren des Kirchenpatrons und das zentrale Ereignis im Jahreslauf. Bezirksschulinspektor Leopold Bergolth, 1928 für drei Monate Junglehrer an der Volksschule in Kollersdorf, hielt die Rituale in seinen Aufzeichnungen schriftlich fest. Sie sind heute im Niederösterreichischen Volksliedarchiv in St. Pölten aufbewahrt und
bieten einen wertvollen Einblick in das Kirtagsgeschehen in Kollersdorf.

Träger des Brauchtums waren die Ortsburschen und zwar jener Jahrgang, welcher zur militärischen Stellung (Musterung) heran stand. Sie nahmen die Musikkapelle auf und hoben bei den Kirtagsgästen (da sie die Musikanten für das nachmittägige Konzert bezahlen mussten) ein Eintrittsgeld ein. Ihr Wortführer war der Altbursche, den sie aus ihrer Mitte erwählten. Dieser war auch der Verwahrer des Robisch, auf welchem die Zeche der Kirtagsburschen vermerkt war.

Der Robisch stellt die geschichtlich älteste Buchhaltung dar; er war schon bei den alten Ägyptern in Verwendung und bestand aus zwei
deckungsgleichen Hölzern mit einem quadratischen oder rechteckigen Querschnitt. Eines dieser Hölzer bekam der Wirt, das andere behielt sich der Altbursch. Jedes Stäbchen trug am oberen Ende auf einer Fläche den Vermerk „Wein“, auf einer anderen den Vermerk „Bier“. Trug nun der Wirt z. B. 1 Liter Wein am Burschentisch auf, so übergab er dem Altburschen sein Stäbchen und dieser legte seine genau hinzufügend auf den Tisch und feilte mit einer kleinen Taschenfeile über beide Stäbchen eine Kerbe und reichte das dem Wirt gehörige ihm zurück. Das Stäbchen des Altburschen war mit bunten Bändern geschmückt. Am Sonntag nach dem Kirtag wurde dann unter Vorweisung beider Stäbchen abgerechnet.

Der Kirtag dauerte in der Regel zwei Tage (Sonntag und Montag).

Für den Kirtag hatte sich das ganz Dorf herausgeputzt und in den Bauernhäusern wurde für den reichen Besuch festlich aufgekocht. Es war nämlich der Brauch, dass der Bauer seine vom Hof gewichenen
Geschwister und deren Kinder zum Kirtag einlud und bewirtete.

Kirtag zu Antoni 1933

Nachdem Kollersdorf keine Kirche hat, wurde abgewartet, bis die Kirchenbesucher von Altenwörth heimkamen. Dann wurde unter Anführung der Kirtagsburschen mit der Musik durch das Dorf gespielt, wobei die vor ihren Häusern stehenden Dorfbewohner lauthals von den Kirtagsburschen zum nachmittägigen Kirtagsbesuch eingeladen wurden.

Kirtagsburschen

Kirtagsburschen

Kirtagsburschen 1950

Kirtagsburschen 1950Die Kirtagsburschen laden die Sachsendorfer Dorfbewohner ein, um 1950

Dem Bürgermeister und jenen Burschen, welche einen Musikanten als Mittagsgast aufnehmen sollten, wurde ein Ständchen gemacht, wonach der Hausvater laut einen bestimmten Musikanten zum Mittagessen einlud.

Um drei Uhr nachmittags begann im Kirtagswirtshaus das Blaskonzert, bei welchem ein Eintritt eingehoben wurde. Um etwa 5 Uhr begann der Tanz. Der Tanzboden befand sich im gedeckten Schuppen des Wirtes.

Gasthaus Kollersdorf 5Schuppen des Gasthauses Kollersdorf 5 kurz vor dem Abbruch 1983

Zum ersten Tanz hatten sich die Kirtagsburschen Mädchen eingeladen mit denen sie nun – die Paare festlich mit Bändern geschmückt – jauchzend auf den Tanzboden zogen. Die Musik spielte den „Ersten“, welcher nur für die Kirtagsburschen bestimmt war. Der zweite Tanz gehörte nur für die Ortsangehörigen und erst der dritte war für alle Kirtagsbesucher frei. Auf die Einhaltung dieser Ordnung wurde streng geschaut, und
jeder, der sich nicht daran hielt, wurde vorerst freundlich ersucht, sich an die überlieferte Ordnung zu halten. Wollte er sich nicht fügen, wurde er als Stänkerer betrachtet und gewaltsam hinausgeschmissen, was öfter der Anstoß für eine Kirtagrauferei war.

Am Tanzboden verkaufte die Musik Tanzmascherl, womit das Recht zum Tanzen erworben wurde. Es galt als Pflicht, dass der Tänzer gegebenenfalls auch das Tanzmascherl der Tänzerin bezahlte.

Der Kirtagmontag, auch Nobelkirtag genannt, weil an ihm noblere Gäste wie Beamte und Geschäftsleute teilnahmen, unterschied sich vom
Kirtagsonntag nur darin, dass das Nachmittagskonzert „auf Streich“ gespielt wurde. Die Tanzmusik war an beiden Tagen „auf Streich
“.

Die Streichbesetzung umfasste erste und zweite Geige sowie eine Bassgeige, wobei die Zusammensetzung häufig variierte. 1952 wurden vom Musikverein 34 Proben abgehalten, davon elf Streichproben.

Feuerwehrball 1955, Unterstockstall

Da diese Nobelgäste auch nobel speisten (Enten, Gänse, Hendl usw.) und vielfach Wert darauf legten, dass ihnen die Musikanten dazu eine Tafelmusik boten, ergab sich für diese eine besondere Einnahme. Sie zweigten für das Anspielen, wie sie die Tafelmusik nannten, eine kleine Bläsergruppe (2 Flügelhörner, 2 Klarinetten, 1 Bassflügelhorn, 1 Posaune) ab und zogen von Tisch zu Tisch. Die so ausgezeichneten Gäste hatten dabei das Recht, ihre Lieblingsstücke zu verlangen (Vortragsstücke, einen Jodler u. dgl.) und es galt für die Musikanten als Schande, wenn sie nicht imstande waren, derartige Wünsche zu erfüllen. Dieses Anspielen wurde „aus’m Gnack“, d.h. ohne Noten durchgeführt.

Die meisten der mit Fuhrwerken angefahrenen Gäste ließen sich heimspielen. Dabei folgten die Musikanten den heimkehrenden Gästen von ihrem Tisch bis zum Fuhrwerk, einen flotten Marsch spielend.

Wenn der Morgen graute, verliefen sich die Dorfleute, denn für die begann sofort der Arbeitstag.

Kirtagsstände durften selbstverständlich nicht fehlen. Wie umfangreich deren Angebot tatsächlich war, lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Wahrscheinlich wurden Süßwaren und Spielzeug angeboten, vielleicht gab es sogar Schaukeln und eine Schießbude. Aus Standgeldzahlungen der Marktfahrer an die Gemeinde lässt sich ihre Anwesenheit in den Jahren 1933 und 1947 nachweisen.

KirchweihgrüßeBeste Grüsse vom Kirchweihfest aus Sachsendorf Ansichtskarte, Poststempel Fels am Wagram 15.6.31

 Die Kirtagswirtshäuser

Kollersdorf 5

Diewald Johann, Diewald Leopold und Anna,
Walzer Alois und Anna, Pichler Kaspar und Anna

Kollersdorf 55

Mayerböck Georg, Hartl Andreas

Sachsendorf 8

Bachmayer Michael und Katharina

Sachsendorf 16

Teufner Franz, Magerl Franz und Maria

Sachsendorf 41

Bachmayer Franz und Franziska

 

Für folgende Kirtage (Kirchweihfeste) liegen Nachweise in Archivunterlagen und Zeitungsberichten vor:

Datum

Gasthaus

Anmerkungen

1889, 18. u. 19. August

Teufner

 

1891, August

Mayerböck

 

1895, 18. August

Diewald

 

1903, 19. u. 20. Juli

Bachmayer M.

Oesterr. Land꞊Zeitung

1904, 14. u. 15. August

Hartl

                 ־"־

1905, 4. u. 5. Juni

Bachmayer M.

                ־"־

1907, 15. u. 16. Juni

Bachmayer M.

                 ־"־

1908, 14. u. 15. Juni

Bachmayer M.

                 ־"־

1909, 15. u. 16. August

Diewald

                 ־"־

1910, 12. u. 13. Juni

Bachmayer M.

                 ־"־

1922, 13. u. 14. August

Hartl

 

1923, August

Pichler

 

1926, 15. u. 16. August

Hartl

 

1927

Pichler

 

1928, August

Hartl

 

1929

Pichler

 

1931, 14. u. 15. Juni

Magerl

Musik: Gartner-Kapelle

1932

 

Veranstalter: Feuerwehr

Musik: Zehetner-Kapelle

1933, Juni

Magerl

 

1947, Juni

   

1949, 12. u. 13. Juni

Magerl

Musik: Ortskapelle

1949, 14. u. 15. August

Hartl

Veranstalter: Feuerwehr

Musik: Ortskapelle

1950, 18. Juni

Magerl

Musik: Ortskapelle

1950, um den 15. August

Hartl

 

1951, 10. u. 11. Juni

Magerl

 

1951, 19. August

Hartl

 

1952, 8. Juni

Magerl

 

1952, 17. August

Hartl

Veranstalter: Feuerwehr Musik: Ortskapelle

1953, 14. Juni

Magerl

 

1954, 6. Juni

Magerl

 

1955, 12. Juni

Magerl

 

1958, 14. u. 15. Juni

Bachmayer F.

 

1958, 15. u. 16. August

Bachmayer F.

Kirtag für Kollersdorf

     

Ortsmusik

Die Geschichte der Ortsmusik und des daraus hervorgegangenen Musikvereins ist hervorragend dokumentiert. Festschriften zu den Jubiläen anlässlich des 40-, 50- und 60-jährigen Bestehens gewähren Einblicke in ein bewegtes Vereinsleben mit all seinen Höhen und Tiefen. In diesem Beitrag wird – auf Grundlage neuer Erkenntnisse – ausschließlich auf die Zeit der Gründung eingegangen.

Dass bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Musikkapelle ins Leben gerufen wurde, verdient größte Anerkennung. Eine Leistung unserer Vorfahren, die ihresgleichen sucht! Man darf nicht vergessen, dass die Anschaffung und das Erlernen eines Musikinstruments in der ohnehin knappen Freizeit keine leichten Aufgaben waren.

Dank der Aufzeichnungen des Musikkameraden Franz Ploiner († 1988) wissen wir, dass sich im Jahr 1895 die Ortsmusik formierte – zeitgleich mit der Gründung der Feuerwehr. Dieser Umstand dürfte kein Zufall sein. Ein im Jahr 2022 aufgefundenes Foto, das um 1900 entstanden ist, ermöglicht einen genaueren Einblick in deren Anfänge.

Ortsmusik

Die Aufnahme wurde im Freihof des damaligen Bürgermeisters Anton Söllner gemacht. Obwohl die Namen der Gründungsmitglieder bekannt sind, konnten bisher nur zwei Personen eindeutig identifiziert werden: Alois Söllner (Tenorhorn) und Anton Söllner (Helikon). Auch die Frage, auf wessen Initiative die Gründung zurückgeht, scheint nun beantwortet: Das Mitwirken seiner Söhne und die hervorragend ausgestatteten Musikanten lassen den Schluss zu, dass Bürgermeister Anton Söllner diese ins Leben gerufen und maßgeblich gefördert hat.

Aus der Anfangszeit sind zwei Auftritte dokumentiert:
Neuigkeits-Welt-Blatt vom 6. Februar 1896
Eine Gemeinde, die ihren Lehrer ehrt. Am 26. Jänner feierte – wie man uns schreibt - der gewesene Unterlehrer Johann Harrer in Kollersdorf, anlässlich seiner Beförderung zum Schulleiter, sein Abschiedsfest. Wie beliebt sich dieser Schulmann durch sein offenes und gemütvolles Benehmen gegen die Ortsbewohner, sowie durch die liebvolle Behandlung der ihm anvertrauten Schuljugend zu machen wußte, bewies die ihm seitens des Herrn Bürgermeisters und Obmannes des Ortsschulrates Anton Söllner und des Herrn Oberlehrers Kajetan Stumpf, sowie der freiwilligen Feuerwehr Kollersdorf-Sachsendorf – dessen Schriftwart Herr Harrer gewesen – bereitete Abschiedsfeier. Um 4 Uhr Nachmittag marschierte die freiwillige Feuerwehr vor das Schulhaus und geleitete Herrn Harrer in Diewald’s Gasthaus, allwo der Scheidende an die freiwillige Feuerwehr eine warmempfundene Dankesrede hielt, die seitens des Feuerwehrhauptmannes mit schlichten und aufrichtigen Worten erwidert wurde. Die Musikkapelle intonierte die Volkshymne und die Feuerwehr brachte dem Scheidenden ein strammes „Gut Heil“ dar. Abends verließ Herr Harrer, von der freiwilligen Feuerwehr und ihrer Musikkapelle eine Strecke begleitet, Kollersdorf, um sich in seinen neuen Bestimmungsort zu begeben. Möge sich der allverehrte Schulmann auch dort bald heimisch fühlen. Die Kollersdorfer werden seiner nicht vergessen.
 
Kremser Zeitung vom 7. Mai 1899
Eine sehr schöne und erhebende Feier hat am Sonntag, den 30. April in Fels stattgefunden. Unser hochw. Herr Pfarrer Franz Lindner, ………….. hat eine schöne Marien-Statue angekauft, wo nun alle Sonntag die Maiandacht gehalten wird. ……… Die Felser Feuerwehr mit ihrem wackeren Hauptmann Herrn Josef Schober an der Spitze, sowie eine Musikkapelle von Kollersdorf, begleiteten den feierlichen Zug in die mit Blumen geschmückte Kirche, …………. 


Christlich-Deutscher Turnverein

Mitgliedsausweis TurnvereinUm 1900 entstanden aus der deutschen Turnbewegung die Christlich-Deutschen Turnvereine als Gegenbewegung zu liberalen und freidenkerischen Turnvereinen. Sie verbanden körperliche Ertüchtigung mit christlichen Werten und deutscher Kultur. Auch in Kollersdorf wurde ein solcher gegründet. Leopold Bergolth berichtet in seinen Erinnerungen, dass dies kurz vor seinem Eintreffen in Kollersdorf geschah, obwohl keinerlei Voraussetzungen für einen Turnbetrieb vorhanden waren. Weder die Gemeinde noch die Volksschule verfügten über einen Turnplatz, Turnraum oder Turngeräte. Doch das tat der Sache keinen Abbruch – die Dorfburschen wussten sich zu helfen: Der Wagenschuppen im Gasthaus von Kaspar Pichler wurde zum Turnraum, und Leopold Reinwein, der Sohn des Schmiedemeisters, baute in der Werkstatt seines Vaters ein Spannreck. Die Begeisterung für die Turnidee war beeindruckend. Um Geld für die Anschaffung weiterer Geräte zu sammeln, führten sie Theaterstücke auf – und meisterten dabei alle Aufgaben, vom Bühnenbild bis zu den Kostümen selbst. Auch eine Heldenehrung wurde von ihnen organisiert. Angeführt von der Musikkapelle zogen sie mit selbst gefertigten Fackeln durch das Dorf, und die gesamte Bevölkerung nahm an der Feierlichkeit teil.

Die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie führten zur Bildung einer österreichweiten Heimwehrbewegung mit dem Ziel, Eigentum und Ordnung zu sichern. In der Ausgabe des Bauernbündlers“ vom 27. Juni 1931 wird über eine Bezirks-tagung in Kirchberg am Wagram berichtet; dabei wird festgehalten, dass der Christlich-Deutsche Turnverein Kollerdorf der Niederösterreichischen Heimwehr angehört. Der Verein dürfte sehr aktiv gewesen sein. Die
St. Pöltner Zeitung“ vom 13. Juni 1935 informiert über die Konstituierung des Bezirksturnrates in Tulln und erwähnt dabei die Anwesenheit sämtlicher Turnvereine des Bezirks, nämlich St. Andrä-Wördern, Kirchberg am Wagram, Kollersdorf, Königstetten, Großriedenthal, Tulln, Wolfpassing und Zeiselmauer.

Nach dem Anschluss im Jahr 1938 verschwand die Bezeichnung „christlich-deutsch“, da sie mit der nationalsozialistischen Ideologie nicht vereinbar war, es wurde der Deutsche Turnerbund Kollersdorf-Sachsendorf gegründet. Ein entsprechender Vermerk findet sich im Geschäftsprotokoll der Gemeinde vom Juni 1938. Die behördliche Auflösung des Vereins wurde im März 1949 von der Bezirkshauptmannschaft Tulln bescheidmäßig ausgesprochen.

 

Musikklub

Peter PircherPeter PircherEinen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Dorfleben leistete die Lehrerschaft. Wäre die Schulchronik in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs nicht mutwillig vernichtet worden, wüssten wir heute wohl von zahlreichen weiteren Veranstaltungen. Von zweien wissen wir jedoch, da sie in zeitgenössischen Zeitungen Erwähnung fanden.

Neuigkeits-Welt-Blatt vom 8. März 1906
Konzert in Kollersdorf. Die Gemütlichkeit stirbt trotz mancher Prophezeiungen nicht aus. Das zeigte sich wieder einmal in Kollersdorf, wo sich erst vor kurzer Zeit ein Musikklub gebildet hatte und sein erstes Konzert am Faschingssonntag in Herrn Johann Diewalds Gasthaus gab. Tüchtige Musikkräfte unter der Leitung des Herrn Oberlehrers Pircher: Herr Schulleiter Pachner aus Altenwörth, Herr Lehrer Scheithauer sowie die anderen bewährten Musikkräfte, unter denen das virtuose Violinspiel des Herrn Pircher jun. auffiel, brachten ein schönes Konzert zustande, dem sich ein animiertes Tanzkränzchen anschloß. Küche und Keller waren vortrefflich und der zahlreiche Besuch rief sich erst am grauen Morgen ein „fröhliches Wiedersehen beim nächsten Konzert“ zu.
 
Kremser Zeitung vom 15. September 1906
Liedertafel. Samstag den 8. d.M. fand bei Herrn Hartl in Kollersdorf ein Gartenfest des Musikklubs Kollersdorf-Sachsendorf statt. Begünstigt von schönem Wetter nahm das Fest einen flotten Verlauf. Orchestervorträge wechselten mit Männerchören. Das Gebotene wurde von den zahlreichen Zuhörern mit Beifall aufgenommen. Herr Oberlehrer Peter Pircher aus Kollersdorf, der Chormeister des wackeren Clubs, kann mit Befriedigung auf diesen Tag zurückblicken. Küche und Keller des Herrn Hartl boten wie immer Vorzügliches. Es ist mit Freude zu begrüßen, dass es doch noch Bauernorte gibt, in welchen Musikproben diversen Kraftproben vorgezogen werden.

 

Theaterverein Sachsendorf

Im Jahr 1949 wurde in Sachsendorf ein Theaterverein gegründet. Das genaue Datum sowie der Ort der Gründungsversammlung sind im Protokoll nicht vermerkt. Vermutlich fand diese im Gasthaus Magerl, Sachsendorf 16, statt.

Karl GaubitzerKarl GaubitzerDer erste Vereinsvorstand setzte sich wie folgt zusammen:
Obmann: Karl Gaubitzer, geb. 1911
Stellvertreter: Walter Magerl, geb. 1928
Schriftführer: Ernst Magerl, geb. 1929
Stellvertreter: Franz Hellmer, geb. 1930
Kassier: Herbert Ploiner, geb. 1932
Stellvertreter: Engelbert Magerl, geb. 1920
Revisor: Friedrich Gaubitzer, geb. 1920
Revisor: Alfred Magerl, geb. 1933
Weitere Vereinsmitglieder: Andreas Eder,
Raimund Leuthner, Franz Hubner

Die Theateraufführungen fanden im Gasthaus Franz Magerl in einer ehemaligen Wehrmachtsbaracke statt, die 1949 aufgestellt worden war. Das Holzgebäude maß 11 mal 17 Meter. Als Probenraum diente häufig die Schneiderwerkstatt des Obmannes, der zugleich für Spielleitung und Regie verantwortlich war.

Für jede Aufführung war eine Genehmigung der Bezirkshauptmannschaft Tulln sowie eine Freigabe durch die russische Zensurbehörde in Wien erforderlich. Damit sollte gewährleistet werden, dass das Stück keine militärisch sensiblen Informationen, keine politischen Anspielungen und keine die Moral der Bevölkerung schwächenden Inhalte enthielt. Eine solche Programmprüfung ist in den erhaltenen Dokumenten zuletzt für die Aufführung im April 1952 belegt.

Bereits im Gründungsjahr konnten verschiedene Stücke aufgeführt werden. Offenbar kam es dabei zu Unstimmigkeiten, denn anders lässt sich der Beschluss des Ausschusses vom 22. Jänner 1950, die Vereinstätigkeit fortzuführen, kaum erklären. Dass die Aufführungen großen Zuspruch fanden, zeigt die Abrechnung der Vorstellung vom 24. September 1950: Es wurden 178 Eintrittskarten zu je S 2,50 sowie 93 Karten zu je S 2,- verkauft. Durch die schrittweise Erhöhung der Eintrittspreise konnte am 29. Juni 1952 sogar eine Spende in Höhe von S 1.577,22 an die Gemeinde Kollersdorf übergeben werden. An das Land Niederösterreich waren Abgaben aus den Eintrittsgeldern zu entrichten, deren Abwicklung über die Gemeinde erfolgte.

Bei der letzten Aufführung im April 1955 galten folgende Eintrittspreise: Kategorie 1: S 5,-, Kategorie 2: S 4,-, Kinder: S 3,-. Es wurden 96 Karten der Kategorie 1, 94 Karten der Kategorie 2 und 12 Kinderkarten verkauft.

Theaterverein Ausschussmitglieder27. November 1950, Bekanntgabe des Vereinsvorstandes an die Bezirkshauptmannschaft Tulln

Auch der Musikverein beteiligte sich an den Theateraufführungen. In den Pausen sorgte er für die Unterhaltung der Besucher. Bei den Silvestervorstellungen der Jahre 1949 und 1951 spielte die Kapelle bis fünf Uhr früh Tanzmusik für Jung und Alt.

Zwei erhalten gebliebene Lieferscheine von Kostümverleihern belegen, dass für die Ausstattung der Schauspieler weder Kosten noch Mühen gescheut wurden. Für die Silvestervorstellung im Jahr 1950 betrug die Leihgebühr beachtliche 855 Schilling.

Der Wildschütz

Von der Aufführung Der Kampf um die Heimat von Josef Leo hat sich nicht nur ein Plakat erhalten, sondern auch eine Liste der Mitwirkenden:
Jörg Siegmayr, der alte Tharerwirt von Olang: Walter Magerl; Marie, sein Weib: Paula Berger; Peter Siegmayr, beider Sohn: Ernst Magerl; Thresl, sein Weib: Marie Heinzl; Hansl, deren Kind: Rupert Ploiner; Loisl, Knecht beim Tharerwirt: Franz Hubner; Bernhofer, ein Tiroler Bauer und Landstürmer: Alfred Magerl; Lechner, ein Bauer und Landstürmer: Raimund Leuthner; Pfarrer von Olang: Karl Gaubitzer; Broussier, franz. Obergeneral im Pustertal: Fritz Gaubitzer; Almera, franz. General im Pustertal: Franz Hellmer; Leutnant, ein franz. Offizier: Karl Ploiner; zwei französische Soldaten: Josef Ploiner, Josef Berger
Das Stück, ein historisches Schauspiel, erzählt vom Tiroler Freiheitskampf – dem Aufstand gegen die bayerische und die französische Herrschaft. Die Handlung spielt im Pustertal in den Jahren 1809 und 1810. Im Zentrum steht Peter Siegmayr, der dabei eine bedeutende Rolle einnahm und bis heute als Tiroler Freiheitskämpfer geehrt wird.
Sein letzter Auftritt bevor der Vorhang fällt:
Lebts wohl, liabe Leutln, drüben wird’s wohl ein besseres Wiedersehen geben! Ich bin bereit! Herrgott im Himmel droben i bitt Dich, laß mei Opfer net umsonst sein, gib, daß aus dem Bluat wieder der Frieden heranwachse, für unser liebes Land Tirol. O wenn i doch allen Landsleuten zuaruafen könnt: „Halts z’samm – und seids einig“ – besonders Ihr, unsere Nachkommen! Laßts das Opfer unseres Blutes und Lebens net umsonst gewesen sein!

Eine nicht geringe Herausforderung stellte der Umbau der Kulissen samt passender Ausstattung dar. Zu den Schauplätzen dieses Stückes gehörten: die Wirtsstube des Tharerwirts in Olang, das Innere einer im Winter unbewohnten Almhütte, ein Zimmer mit Tisch und Stühlen, an dessen Wand ein Bild Napoleons und eine französische Fahne hängen, sowie eine Kerkerzelle mit vergittertem Fenster.

Bevor die Kulissen umgebaut werden konnten, waren geschickte Hände gefragt, die ihre Herstellung übernahmen. Dafür verantwortlich war Walter Magerl, gelernter Tischler, wohnhaft in Sachsendorf 14.

Josef BureschJosef BureschDie Malerarbeiten übernahm Josef Buresch, geboren 1904 in Wien. Er war in den ersten Lebensjahren oft in Sachsendorf 8; seine Mutter Theresia war die Tochter des Gastwirtehepaares Michael und Katharina Bachmayer.

Als gelernter Maler und Anstreicher wandte sich Josef Buresch erst im Alter von 88 (!) Jahren der künstlerischen Malerei zu. Als ältester Schüler der Volkshochschule Wien-Alsergrund feierte er seinen 100. Geburtstag mit einer Ausstellung seiner Werke in einem Kaffeehaus in Hernals. Josef Buresch widmete sich vor allem Akt-, Blumen- und Landschaftsmotiven (→ S. 39). Er verstarb 2008 in Wien.

Bei sämtlichen Aufführungen war Margarete Gaubitzer, die Ehegattin des Obmannes, als Souffleuse im Einsatz.

In den wenigen erhaltenen Unterlagen finden sich keine Hinweise auf die Gründe, die letztlich zur Auflösung des Vereins führten. Aus mündlichen Überlieferungen ist jedoch bekannt, dass es wiederholt zu Streitigkeiten, vor allem wegen der Rollenverteilung, gekommen war. Belegt ist, dass in der Generalversammlung vom 2. Februar 1956 der Beschluss zur Auflösung des Vereins gefasst wurde. 

Theatervorführung


Ein auf den 6. Jänner 1956 datiertes Verzeichnis nennt folgende dem Verein angehörenden Personen:
Mitglieder:
Johann Palk sen., Karl Gaubitzer, Johann Palk jun., Fritz Gaubitzer, Herbert Ploiner, Josef Renner,
Josef Ploiner, Franz Hubner, Fritz Ploiner, Eduard Magerl, Franz
Magerl, Karl Ploiner, Margarete Gaubitzer, Ingeborg Gaubitzer, Marie Renner, Ludmilla Gaubitzer
Unterstützende Mitglieder:
Johann Ploiner, Alfred Hubner, Franz Ploiner
Provisorische Mitglieder:
Karl Palk, Johann Leuthner, Josef Madl, Franz Madl

Aus einem Schreiben der Bezirkshauptmannschaft Tulln vom 2. Juli 1956 geht hervor, dass die Sicherheitsdirektion für das Land Niederösterreich die Auflösung des Vereins mangels Nachweises der ordnungsgemäßen Einhaltung der Statutenbestimmungen nicht anerkannt hat. Warum die Vereinsauflösung erst mehrere Jahre später rechtswirksam wurde, bleibt unklar. Im Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Tulln vom 15. Februar 1962 ist vermerkt: Im Jahre 1961 wurde von der Sicherheitsdirektion für das Land Niederösterreich folgender Verein bescheidmäßig aufgelöst: „Theaterverein Sachsendorf“ mit dem Sitz in Sachsendorf, Gemeinde Kollersdorf (ab 7.12.1961). 

Folgende Aufführungen sind bekannt:

Datum

Uhrzeit

Titel des Stückes

Autor

25.12.1949

 

Kärntnerliab

Paul Löwinger

26.12.1949

 

Kärntnerliab

Paul Löwinger

31.12.1949

 

Das kleine Bezirksgericht

Otto Bielen

24.09.1950

     

23.12.1950

19:00

Der Kampf um die Heimat

Josef Leo

26.12.1950

14:30

19:00

Der Kampf um die Heimat

Josef Leo

31.12.1950

19:00

   

06.01.1951

 

Der Kampf um die Heimat

Josef Leo

26.03.1951

 

Der Wildschütz

 

20.05.1951

 

Der Dornenkranz einer Mutter

 

24.05.1951

     

30.09.1951

15:00

20:00

   

16.10.1951

 

Der Weltuntergang

 

23.12.1951

     

26.12.1951

 

Die ewige Melodie

 

31.12.1951

 

Die beiden Landstreicher

 

13.04.1952

19:30

Mutterliebe hört nimmer auf

Hans Adalbert

14.04.1952

14:30

19:30

Mutterliebe hört nimmer auf

Hans Adalbert

25.12.1953

19:30

   

26.12.1953

14:00

   

18.04.1954

 

Die Schusterkomtess

 

19.04.1954

 

Die Schusterkomtess

 

01.05.1954

 

Die Schusterkomtess

 

25.12.1954

 

Der Judas aus Tirol

 

26.12.1954

 

Der Judas aus Tirol

 

31.12.1954

 

Der verhexte Kasten

 

10.04.1955

 

Schrecken am Grenzweghof

 

11.04.1955

 

Schrecken am Grenzweghof

 

17.04.1955

 

Schrecken am Grenzweghof

 

Leere Felder kennzeichnen Vorstellungen, zu denen keine weiteren Daten vorliegen.

Milchhaus und Burschentreff

Milchhaus SachsendorfMilchkasino Sachsendorf, kurz vor dem Abriss im Februar 1997

Junglehrer Leopold Bergolth hat die Kollersdorfer als ungemein fleißiges Volk kennengelernt, das sich das ganz Jahr abmühte und daher jeden Abend „mit den Hühnern“ schlafen ging. Die jungen Leute waren freilich eher für einen langen Abend zu haben. Burschen und Mädchen gingen mit der Abendmilch zum Milchhaus, das so zu einem beliebten Jugendtreff wurde. Während es für die Mädchen unschicklich war, länger auf der Gasse zu sein und die Eltern in dieser Hinsicht auf strenge Zucht sahen, konnten die Burschen noch lange im Dorf flanieren.

Dorfschmiede Reinwein

Ihr beliebtester Treffpunkt war die Dorfschmiede Reinwein in Kollersdorf. Sie hatte eine gedeckte Hufbeschlagbrücke, war windgeschützt und bot durch das zur Reparatur herumstehende bäuerliche Ackergerät genug Sitzplätze. Hier wurden die Tagesereignisse besprochen und oft auch stundenlang gesungen, sodaß ich mich schon am nächsten Tag ihnen zugesellt habe. Meiner damaligen Aufforderung, ihre Lieder für mich aufzuschreiben, ist Leopold Magerl, Kollersdorf 26, in beispielgebender Weise nachgekommen, indem er gemeinsam mit seinem Bruder eine zweibändige Lieder-Texthandschrift verfaßt hat, welche ich nach dem 2. Weltkrieg mit Herrn Magerl auf Band aufzeichnen konnte.

 

Die Lieder-Texthandschrift des Leopold Magerl

Dass diese überlieferten Liedertexte von Leopold Magerl aufgeschrieben und dadurch der Nachwelt erhalten geblieben sind, ist ausschließlich dem Engagement von Leopold Bergolth aus Tulln zu verdanken. Zwischen 1975 und 1980 kehrte Bergolth erneut nach Kollersdorf zurück, um auch die Melodien dieser Lieder festzuhalten.

Doch wer war Leopold Magerl, der das Liedgut der Dorfburschen für kommende Generationen bewahrte? Geboren wurde er 1904 in Kollersdorf; sein Vater war, wie später auch er selbst, Landarbeiter und Straßenwärter. Im Elternhaus wurde viel gesungen, was die musikalische Entwicklung der Kinder entscheidend förderte. So verwundert es nicht, dass Leopold Magerl zu den eifrigsten Besuchern und Sängern beim täglichen Burschentreff gehörte. Zudem nahm er in Winkl bei Kapellmeister Leopold Zehetner, einem ehemaligen Militärmusiker des Infanterieregiments Nr. 84, Klarinettenunterricht.

Leopold Bergolth erinnert sich:
Herr Magerl begann seine Textniederschriften schon 1936, wenngleich die erste Bucheintragung (Band I, S. 78) erst vom 24. April 1937 stammt („geschrieben 12 Uhr nachts!“). Die Texteintragungen erfolgten ohne Vorlagen – wie sie sich ihm aus dem Gedächtnis anboten. Die Texteintragungen müssen sehr zügig vorangegangen sein, denn beim Eintragungsdatum 25. Mai 1937 (Band II) finden wir schon die fortschreitende Liednummer 223!

Als 1939 Leopold Magerl zur Deutschen Wehrmacht einberufen wurde, nahm er, wie er mir erzählte, seine zwei Lieder-Textbücher mit und trug sie an allen Fronten im Tornister. Er machte zuletzt den ganzen russischen Feldzug mit und kam so mit seiner Einheit in den Kaukasus, wo bei einer Kampfpause sein Kamerad Erwin Poltke (ein Sudetenländer) das Lied Nr. 234, Band II, mit folgender Anmerkung eintrug: „Aufgeschrieben vom Kriegskameraden Erwin Poltke aus Löwenberg in Schlesien. Geschrieben in Bataisk im Kaukasus, Rußland, am 29. November 1942“. Herr Magerl hatte Glück: er hat nicht nur den großen Rückzug aus dem Kaukasus und das Kriegsende heil überstanden, sondern ist auch der Kriegsgefangenschaft entgangen, sodaß er seine zwei Liedertextbücher unversehrt nach Hause bringen konnte. Sie waren ihm ein unveräußerlicher Schatz, den er mir in freundschaftlicher Verbundenheit zur Auswertung für die Volksliedforschung für das NÖ Volksliedwerk anvertraut hat.

Liedersammlung des Leopold Magerl

Leopold Magerl, langjähriges und besonders verdienstvolles Mitglied der Ortsmusik, verstarb am 16. August 1992 in Kollersdorf 26. In seiner gewiss knapp bemessenen Freizeit widmete er sich nicht nur der Aufzeichnung von Liedtexten, sondern fertigte auch unzählige Notenabschriften für den Musikverein an. „Wir san zwoa lustige Brüda“, ein von Leopold Bergolth dokumentiertes „Sauflied“, wurde in das 1984 im Auftrag der
„Arbeitsgemeinschaft Singen und Musizieren in Niederösterreich“ herausgegebene Heft „Rund um den Wein – Volkslieder aus Niederösterreich“ aufgenommen. Weitere Lieder finden sich in dem 1992 erschienenen Buch „Lieder aus dem Tullnerfeld.“

 

Zirkus

WanderzirkusWanderzirkusse waren ein zentraler Bestandteil der populären Unterhaltungskultur. Die meisten reisten mit großen Wagenkolonnen von Ort zu Ort und boten ein vielfältiges Programm aus Tierdressuren, Akrobatik und Reitkunst – begleitet von den unverzicht-baren Clowns, die für humorvolle Zwischenspiele sorgten. Vor allem für die Kinder war ein Zirkusbesuch ein seltenes und beinahe magisches Erlebnis. Dass in Kollersdorf einmal ein Wanderzirkus Halt gemacht hat, belegt ein Foto aus den 1930er-Jahren.Wanderkino

Auch ein Wanderkino – ein mobiles Kino, das ebenfalls von Ort zu Ort reiste – machte hier Station. Wo genau es seine Vorführung abhielt, ist nicht bekannt; vermutlich jedoch in einem der Wirtshäuser. Das Wanderkino des Josef Fuchs aus Wien zeigte am Sonntag, dem 14. November 1954, den Film „Bis fünf nach zwölf“. Der 1953 entstandene Dokumentarfilm bietet einen historischen Rückblick von der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches. Er enthielt zudem bis dahin unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Privatleben von Adolf Hitler und Eva Braun.

 

Schützenklub Kollersdorf

Das Wissen um die Existenz eines Schützenklubs beruht allein auf einem Hinweis im Kassabuch der Freiwilligen Feuerwehr. Für das Jahr 1922 ist dort eine Einnahme von 200 Kronen eingetragen, versehen mit dem Vermerk „Vom Schützenklub Kollersdorf“. Dies deutet darauf hin, dass der Betrag vermutlich eine Spende war. Ob das 1936 in Kollersdorf abgehaltene Tontaubenschießen mit dem Klub in Verbindung zu bringen ist, bleibt unklar. Der Aufnahme nachzuschließen, wurde der Wettbewerb offenbar auf der „Woad“ ausgetragen.

Schützenklub Kollersdorf

 

Fliegersportfest

Am Sonntag, dem 25. Juni 1944, fand in Kollersdorf ein Fliegersportfest statt, vermutlich – dem Foto nach zu urteilen – am heutigen Sportplatz. Es ist anzunehmen, dass ein Großteil der teilnehmenden Soldaten am nahegelegenen Flugplatz in Fels am Wagram stationiert war und im Rahmen ihrer Ausbildung an den Wettbewerben teilnahm. Trotz der Kriegszeit herrschte reger Andrang, denn viele Bewohner nutzten die Gelegenheit, das Geschehen aus nächster Nähe mitzuerleben und für kurze Zeit etwas Abwechslung vom oft mühevollen Alltag zu finden.

Fliegersportfest 19441 Anna Detter (K. 42)

Gartenbauverein Kollersdorf

Gartenbauvereine spielten eine zentrale Rolle im Obst- und Gemüseanbau und erreichten ihre Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die Gründung des Gartenbauvereins Kollersdorf dürfte zu Beginn der NS-Zeit erfolgt sein, da Vereinsneugründungen damals ausdrücklich gefördert und empfohlen wurden. Hintergrund dieser Politik war die Steigerung der Nahrungsmittel-Selbstversorgung; die Freizeitgestaltung spielte dabei wohl nur eine untergeordnete Rolle.

Der Gartenbauverein Kollersdorf war dem „Landesverband donauländischer Gartenbauvereine angeschlossen. Anhand eines Vergleichsstempels des Gartenbauvereins Kirchberg am Wagram konnte der zuvor unleserliche Text in der zweiten Zeile entschlüsselt werden.

Einen weiteren Hinweis liefert ein Vermögensverzeichnis mit Stand Juli 1945. Es trägt das Datum vom 23. September und die Unterschrift von Johann Bachmayer (S. 24), vermutlich dem Obmann des Vereins. Im Verzeichnis wird ein Barvermögen von 138,50 Reichsmark ausgewiesen.

Gartenbauverein Kollersdorf

 

Beim Heurigen

Heuriger EderEin weiterer Ort der Begegnung, an dem die Ortsbewohner gerne zusammenkamen: der Heurige in Kollersdorf 62, geführt von Franz und Margaretha Eder aus Sachsendorf. Das Lokal war – den damaligen Verhältnissen entsprechend – schlicht mit Holztischen und Bänken ausgestattet, doch der Gemütlichkeit tat dies keinen Abbruch. Der Heurige stand täglich ab 14 Uhr für seine Gäste bereit und wurde zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt.

Der Buschenschank war zu folgenden Zeiten geöffnet:
28.02.1965 – 19.04.1965, 20.12.1967 – 25.03.1968,
27.12.1968 – 26.03.1969, 23.12.1969 – 22.03.1970,
30.01.1971 – 29.04.1971
 
Heuriger Eder
 

Tanzveranstaltungen und Konzerte

Eine wertvolle Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens stellten die Tanzveranstaltungen dar. Sie blickten auf eine lange Tradition zurück und erfreuten sich – ob klassischer Ball oder fröhlicher Dorfabend – großer Beliebtheit. Zugleich wurde dabei die lokale Kultur gepflegt: Die Zehetner-Kapelle aus Winkl, die Gartner-Kapelle aus Gigging oder die Ortskapelle sorgten für schwungvolle Live-Musik.

Feuerwehrball 1965

Für folgende Veranstaltungen liegen Nachweise in Archivunterlagen und Zeitungsberichten vor:

Datum

Gasthaus

Veranstaltung

1891, 8. Februar

Diewald

Faschingsball

1895, 24. Februar

Diewald

Faschingsball

1902, 2. Februar

 

Feuerwehrball

1906, 25. Februar

Diewald

Konzert und Tanzkränzchen,
Musikklub

1906, 8. September

Hartl

Orchestervorträge und Männerchöre, Musikklub

1910, 23. Jänner

Walzer

Faschingsball

1910, 6. Februar

Bachmayer M.

Gesellschaftsball

Datum

Gasthaus

Veranstaltung

1920

 

Feuerwehrball

1921, 22. Mai

 

Gründungsfest, Feuerwehr

1922

 

Feuerwehrball

1925, 25. Februar

Pichler

Feuerwehrball, Zehetner-Kapelle

1926

 

Feuerwehrball

1927, 20. Februar

Pichler

Feuerwehrball, Zehetner-Kapelle

1929, 21. Februar

Pichler

Faschingsball

1930, 2. März

Pichler

Feuerwehrball, Zehetner-Kapelle

1931, 15. Februar

Pichler

Feuerwehrball, Zehetner-Kapelle

1932, 7. Februar

Pichler

Feuerwehrball, Ortsmusik

1933, 26. Februar

Pichler

Feuerwehrball, Ortsmusik

1934, 11. Februar

Pichler

Feuerwehrball, Gartner-Kapelle

1935, 3. März

Pichler

Feuerwehrball, Gartner-Kapelle

1948, 30. Mai

Hartl

Feuerwehr, Gründungsfest

1949, 23. Oktober

Magerl

Weinlesefest, Feuerwehr

1950, 19. Februar

Magerl

Maskenball, Feuerwehr

1950, 10. April

Magerl

Frühlingsfest der Österr. Jugendbewegung, Ortsgruppe Kollersdorf-Sachsendorf, Ortsmusik

1950, 8. Oktober

 

Weinlesefest, Feuerwehr

1951, 28. Jänner

Magerl

Feuerwehrball, Ortsmusik

1952, 27. Jänner

Magerl

Dirndlball

1952, 17. Februar

Magerl

Maskenball, Feuerwehr

1952, 5. Oktober

Magerl

Weinlesefest, Veranstaltung des

Musikvereines

1953, 15. Februar

Magerl

Maskenball, Feuerwehr

1953, 15. November

Magerl

Leopoldifest

1954, 21. Februar

Magerl

Feuerwehrball, Ortsmusik

1955, 20. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1956, 29. Jänner

Magerl

Feuerwehrball

1957, 3. März

Magerl

Feuerwehrball

1958, 2. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1958, 2. August

Bachmayer F.

Gartenkränzchen

1959, 8. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1959, 8. Februar

Bachmayer F.

Faschingstreffen

1959, 2. und 3. Mai

Bachmayer F.

Fisch-Spießbraten

1959, 16. und 17. Mai

Bachmayer F.

Pfingstfeier

1959, 5. September

Bachmayer F.

Tanzkränzchen

1959, 5. Dezember

Bachmayer F.

Krampusrummel

1960, 21. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1960, 27. Februar

Bachmayer F.

Hausball

Datum

Gasthaus

Veranstaltung

1960, 30. Juli

Bachmayer F.

Kraftfahrerkränzchen

1961, 12. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1961, 14. Februar

Bachmayer F.

Hausball

1961, 8. Juli

Bachmayer F.

Sommernachtsfeier

1962, 3. März

Magerl

Feuerwehrball

1963, 23. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1963, 26. Februar

Bachmayer F.

Faschingsrummel

1964, 1. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1964, 5. Dezember

Bachmayer F.

Krampusrummel

1964, 26., 27. Dezember

Bachmayer F.

Jägerabend

1965, 27. Februar

Magerl

Feuerwehrball

1965, 13. März

Bachmayer F.

Hausball

1965, 17. u. 18. April

Bachmayer F.

Tischgesellschaften zu Ostern

1965, 4. Dezember

Bachmayer F.

Krampusrummel

 Feuerwehrball 1965

Feuerwehrball 1965

Feuerwehrball 1965

 
Juli 2026
Herbert Eder, Kollersdorf
Dieser Text ist als Broschüre beim Autor erhältlich.